Kindheitserinnerungen im Antiquariat

Försters Pucki und ich sind sozusagen gemeinsam aufgewachsen. Über mehrere Jahre schickte mir nämlich meine Tante jeweils ein Buch zu einem Festtag  - Geburtstag und Weihnachten (bei mir funktioniert das fast perfekt im Halbjahresrhythmus). Das Warten und die Gewissheit - da kommt noch was! - machten die Reihe für mich zu etwas Besonderem. Ich las und sammelte und überbrückte die Zeit bis zum nächsten Festtag mit noch einmal lesen.  Und wurde mit Pucki über mindestens sechs Jahre (es gibt zwölf Bände) gemeinsam älter. 

 

Doch dann passierte es. Puckis Leben bekam allmählich einen schalen Beigeschmack und in mir regte sich etwas, das ich heute als Widerstand erkenne. Pucki hatte nämlich ihren Freund aus Kindertagen, den "großen Claus" (er war deutlich älter als sie), geheiratet und ganz ehrlich: bei Claus hatte ich recht schnell ein ungutes Gefühl. Zwar schwärmte ich anstandshalber zunächst gemeinsam mit der Heldin für den "stattlichen Mann", der ungefähr in Band 5 den Arztberuf ergriff und auf alle Fragen eine richtige und moralisch einwandfreie Antwort parat hatte (ein Schelm, wer Böses dabei denkt). Aber spätestens in den Flitterwochen, die die beiden zu meiner großen Freude ganz in der Nähe meiner Heimatstadt verbrachten, bestätigte sich: der Mann ist spaßfrei , außerdem rechthaberisch und kein Freund des selbständigen  Denkens.

 

Später kam es noch dicker, als Pucki anfing, ihre künstlerische Ader zu entdecken und auszuleben. Warum war Malen eine so verpönte Tätigkeit? Möglicherweise war die Frau  gar nicht untalentiert, sondern hatte nur den falschen Lehrer oder ein unpassendes Sujet erwischt? Und muss ein Leben mit künstlerischem Aspekt automatisch beinhalten, dass man seine Kinder vernachlässigt?

 

So konkret habe ich mir damals die Fragen sicher nicht gestellt, aber als ich vor kurzem die gesammelten Werke im Antiquariat sah, kam die Erinnerung an meinen Lesestoff sehr klar wieder hoch. Und so fing ich an, online ein bisschen herumzustöbern. Aber das sonst so geschwätzige Internet spuckte  nicht besonders viel aus. Die Bücher der Pucki-Reihe scheinen tatsächlich Magda Trotts bekanntestes Werk zu sein, werden aber als untypisch für ihr Schaffen bezeichnet. Denn: Trott galt tatsächlich als eine der bekanntesten und radikalsten Frauenrechtlerinnen.  Darüber hinaus ist über das Leben der Schriftstellerin allerdings wenig bekannt, ich stoße auf mehr Fragezeichen als Fakten. 

 

Über ihr Werk und dessen Rezeption ist etwas mehr zu finden - so zum Beispiel, dass die Pucki Bücher schon von der zeitgenössischen Kritik als trivial eingestuft wurden. Na gut, damit kann ich leben. Womit ich nicht leben kann, ist der Hinweis auf die stark nationalsozialistisch geprägte Ideologie der späteren Bände. Und natürlich das "erzkonservative Frauenbild", das der Heldin jede Individualität verweigert:

 

"..., stattdessen hat sie sich ganz den Ansichten und Ansprüchen des Mannes unterzuordnen und ausschließlich als Hausfrau und Mutter zu funktionieren. Claus und Pucki ... stehen in einer Art Lehrer-und-Schülerin-Verhältnis: Er erzieht sie nach seinen Wünschen, darf sie in ihrem Tun und Verhalten bewerten und gegebenenfalls auch abstrafen. Pucki wird eine effektive Kritik an Verhaltensweisen und Meinungen ihres Mannes nicht zugestanden. Aus Furcht benimmt sich Pucki deswegen oft weiter wie ein Kind: Sie versucht, ihren Mann zu beschummeln, wenn ihr ein Fehler unterlaufen ist, und hört sich schließlich mit gesenktem Kopf seine Zurechtweisungen an. Nach erfolgreicher „Erziehung“ wird Pucki dann als nahezu perfektes „Pucki-Mütterchen“ der letzten Bände zum bewunderten Vorbild und zur Ratgeberin für die anderen Frauen im Ort. Pucki verändert sich damit von der unvollkommenen (und deshalb sympathischen) Identifikationsfigur der ersten Bände zum abstrakten, überhöhten Leitbild für (damalige) Leserinnen."

 

Oh-ha. Was für ein Glück, dass ich offensichtlich für diese Art von Leitbild nicht empfänglich war. Trotzdem frage ich mich: wäre für mich etwas anders gewesen, hätte meine Tante eine der Kinderbuchreihen Magda Trotts ausgewählt, in denen ein ganz anderes Frauenbild gezeigt wird? In "Pommerle" und "Goldköpfchen" dürfen die Heldinnen laut Kritik nämlich selbstbewusst und unabhängig agieren. 

 

Wie auch immer: es bleibt etwas Wehmut über den erneuten Verlust einer Heldin aus Kindertagen. Ach, Pucki. [c]

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Kommentare: 3
  • #1

    Anja (Sonntag, 26 November 2017 12:00)

    Ach ja, die Pucki-Reihe. Hat mich auch ganz wehmütig gestimmt beim Lesen deines Artikels. Und ich erinnere mich, dass mir ihre Anpassung an die Vorstellungen ihres Mannes damals schon gegen den Strich gingen und ich die letzten Bücher der Reihe nicht mehr mochte. Leider hatte ich damals nicht viel deutschen Lesestoff zur Verfügung.

  • #2

    Heinrich Hoffmann (Montag, 27 November 2017 15:22)

    und dann gab's noch Trotzkopf...

    Nach dem Erfolg von "Der Trotzkopf", folgten "Trotzkopfs Brautzeit", "Trotzkopfs Ehe" und "Trotzkopf als Großmutter". Mit "Trotzkopfs Nachkommen" hatte sich die Serie endlich von dem Gör befreit und kann nun über jeden beliebigen Menschen schreiben.

    Und es ist noch viel zu tun: "Die Enkelin von Trotzkopfs Schulfreundin beim Friseur", "Trotzkopfs Mathe-Lehrer geht in Rente", "Trotzkopfs Nachlass wird versteigert"

    Übrigens wirken Wörter auf "pfs" immer ein wenig unfein, ähnlich wie Wörter, die mit "schm" beginnen - schmierig, schmalzig, schmerzhaft eben

  • #3

    Pötzi (Donnerstag, 30 November 2017 15:36)

    Ohja, der Trotzkopf....Ich habe das NIE NIE NIE verstanden, dass man sich mit so einem Leben /Mädchen identifizieren konnte. Meine Mutter versuchte erfolglos mir die Fernsehserie schmackhaft zu machen (Trotzkopfs Bräutigam war nebenbei bemerkt übrigens ausgesucht hässlich)
    Überrascht war ich allerdings, als ich im Erwachsenenalter "zur Probe" nochmals ein 5 Freunde Buch gelesen habe. Ich glaube als Kind habe ich wirklich alle Bände mehrmals verschlungen. Damals war ich ja natürlich die George. Als Erwachsene erst bemerkte ich das verstaubte Rollenbild. Auch wenn sich die 5 Freunde Reihe für mich dadurch entzaubert hat, denke ich doch, dass man diese Bücher als Produkt ihrer Zeit sehen muss. Ich glaube bzw. hoffe doch, dass sich seit dem am Kinderbuchmarkt einiges geändert hat. Aber wer weiß, wie in 30 Jahren die heute aktuellen Kinderbücher bewertet werden. Übrigens: Ottfried Preussler hat schon 1972 ein sehr feministisches Bilderbuch verfasst: Die dumme Augustine.