Knochenjob

Dieses Foto entstand beim sogenannten Probentag des Bayerischen Staatsballetts, einer für Zuschauer offenen Probe, die Einblicke in die tänzerische Arbeit des Ensembles gibt. Hautnah erlebt man alle Phasen vom morgendlichen Training bis hin zur letzten Probe am späten Nachmittag in der vergleichsweise intimen Atmosphäre der Übungssäle des Ballett-Probehauses am Platzl. Ein Muss für Tanzbegeisterte - aber nicht nur für diese. Gerade auch den Unbelehrbaren, die immer noch glauben, Tanzen sei kein Sport ("das bisschen Hüpfen") empfehle ich wärmstens, sich die Trainingseinheiten mal genauer anzusehen. Und ich wage zu behaupten, dass im Anschluss Einigkeit darüber herrschen wird, dass Tänzer nichts anderes sind als Hochleistungssportler. 

 

Extrem anmutige Hochleistungssportler, auch wenn sie es im Probehaus darauf anzulegen scheinen, jeglichen Glamour, mit dem man das Klassische auf der Bühne assoziiert, zu verbannen. Selten habe ich so viele unförmige Wärmestiefel und Daunenwesten, gestrickte Körperteilwärmer in diversen Verfallsstadien, zerschlissene Pullover in Schichten und strapazierte Jogginghosen in Farben gesehen, von denen ich nicht einmal wusste, dass sie überhaupt existieren. Aber der Plan geht nicht auf. Die Anmut ist allgegenwärtig: im Laufen durchs Treppenhaus beim Übungsraumwechsel, im Sitzen oder Stehen beim Warten auf den nächsten Einsatz und sogar - ja! - beim Rauchen. Ganz zu schweigen von den klassischen weißen Tellertutus, die selbstbewusst ihren Platz neben Ringelsocken und Wasserflaschen behaupten.

 

Ursprünglich wurden die offenen Proben in München für einen Kreis von einigen Dutzend Interessierten konzipiert, gedacht als lockere Serie. Mittlerweile sind weit über 100 Veranstaltungen daraus geworden, der Andrang groß, die Tickets extrem schnell ausverkauft. Kein Wunder, denn es kann passieren, dass man Ikonen der Ballettgeschichte auf Armeslänge vor sich schwitzen sieht. Oder zufällig in einen Probenraum stolpert, um dort einen Tänzer das Solor's Solo aus La Bayadère mit solcher Sprungkraft und Energie ausführen zu sehen, dass sogar die Kollegen spontan applaudieren.

 

 

Dass man sich als Nicht- oder bestenfalls Hobbytänzer am Abend eines Probentages sehr plump und sehr unbeweglich vorkommt, gehört wohl zu den unvermeidlichen Nebenwirkungen eines solchen Einblicks. Die nehme ich aber gerne in Kauf und versuche noch ein Weilchen vergeblich, meine Füße zu einer eleganten Sichel zu biegen.[c]

 

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