Kumm loss mer fiere *

* Komm, lass uns feiern

drumherum

Mit Geburtstagen ist das ja so eine Sache. Jedes Jahr kommen sie ungefragt wieder, bringen einem erst Haare, dann Zähne, später Falten und, wenn man Glück hat, nur Zipperlein, nehmen einem schließlich wieder Haare und Zähne und das alles mal mehr, mal weniger laut. 
 
Es gibt Menschen, die mögen Geburtstage nicht. Ihnen liegt nichts an Gesang und Deko, sie möchten wirklich bloß in Ruhe gelassen werden und so tun, als sei dies ein Tag wie jeder andere auch - abgesehen vom Kuchen vielleicht. Und es gibt Menschen, die möchten auf keinen Fall so tun, als sei dies ein Tag wie jeder andere auch. So wie ich. Jedes Jahr, einige Wochen vor meinem Geburtstag, fange ich an, mir insgeheim eine Überraschungsparty zu wünschen, in der alle mir lieb- und teuren Menschen, ausgestattet mit albernen Hütchen und lustigen Tröten (also die, die sich beim Hineinblasen ausrollen!), hinter dem Sofa hervorspringen und "ÜBERRASCHUNG!" rufen. Gut, mein Sofa steht an der Wand, das macht es schwierig. Und gut, meine derzeitige Wohnung ist quadratmetermäßig vermutlich nicht groß genug für alle mir lieb und teuren Menschen. Und gut, ich bin nicht unbedingt ein Fan von Überraschungen. Jedenfalls nicht, wenn sie nicht gut geplant sind und die Gefahr besteht, dass ich mit unrasierten Beinen in Shorts gesehen werde. Außerdem passiert in amerikanischen Serien, die mir als Vorlage für diese Gedankenspiele dienen, meist etwas unvorhersehbar Pein- oder Fürchterliches in der Szene mit dem Sofa und das möchte ich natürlich keinesfalls erleben. 
 
Also vielleicht dann doch lieber die Partyorganisation selber in die Hand nehmen. Jedes Jahr, wenn ich an diesem Punkt meiner Überlegungen angelangt bin, freue ich mich: endlich eine Party und zwar nach meinem Geschmack! Es soll getanzt, geredet und gelacht werden, gut gegessen und gesellig getrunken. Und wann? Ich habe im Sommer Geburtstag, was insofern von Vorteil ist, als dass es frische Erdbeeren gibt. Andererseits gibt es auch Sommerferien und da bestimmt die Hälfte der potenziell Eingeladenen schulpflichtige Kinder in verschiedenen (Bundes-) Ländern hat, ist das problematisch. Denn: die Zusammensetzung der Gäste ist entscheidend für das Gelingen der Party, eine kunstvoll verflochtene Angelegenheit, in der es keinerlei Löcher geben darf. Ich beginne also mit einer Liste, knüpfe, webe und erweitere und bin schließlich bei mehreren hundert Gästen, von denen ich die Hälfte selber nur vom Hörensagen kenne.  Bei genauerer Betrachtung muss ich mir eingestehen, dass  Murakami und Ruff sicher nicht an Feiern von ihnen völlig unbekannten Menschen teilnehmen und Heinz Erhardt leider bereits vor einigen Jahrzehnten verstorben ist. Also reduziere ich auf etwa 50. Eine gute Zahl. 
 
Dann zum passenden Soundtrack. Eine Reminiszenz an die verschiedenen Lebensstationen natürlich. 80er Jahre Hits, klar, ein bisschen kölsche Tön, aber bitte in Maßen und vielleicht mit Untertiteln für die ausländischen Freunde. Auf keinen Fall Helene Fischer! Etwas Bayerisches muss rein und etwas Asiatisches. Vielleicht sollte man sogar Karaoke anbieten? Ich singe probehalber etwas herum und stelle mir dabei vor, wen ich mit wem bekannt mache, wie großartig sich diese über jenes unterhalten könnten und wie viel Spaß wir alle beim Reden und Tanzen und Singen haben, während draußen malerisch die Sonne untergeht und freundliche Kellner eine dezente Festbeleuchtung anknipsen...
 
Nur wo? Eine draußen-drinnen-Kombi ist im Sommer ein Muss. Also diskutiere ich mit mir über Burgen und Weingüter in der Nähe, über Schiffe und Brauereien, besuche Webseiten, verwerfe alles wieder und dann, als ich eines abends in einer Lokalität mit schöner Terrasse und gutem Essen sitze, sage ich tatsächlich laut: "Das hier wäre für meine Feier gar nicht so schlecht." Der zufällig neben mir stehende Kellner nickt beflissen - "Eine gute Wahl!" - sprintet los, um den Inhaber zu holen, der stirnrunzelnd ein dickes Buch konsultiert und dann... Das Restaurant ist an allen in Frage kommenden Wochenenden nicht verfügbar. "So eine Feier müssen Sie schon ein bisschen besser planen," sagt der Inhaber. Und ich atme tief aus.
 
Ihr Menschen da draußen, nah und fern, die ihr mir lieb und teuer seid: ich feiere alle Jahre wieder eine rauschende Party mit euch - also gedanklich. Und vielleicht schaffe ich es nächstes Jahr, den Plan in meinem Kopf tatsächlich umzusetzen. Ihr wisst ja jetzt: absagen ist keine Option, auch wenn Murakami, Ruff und Erhardt nicht dabei sein werden. Und das einzige, das ihr mitbringen müsst, sind gute Stimmung, ein albernes Hütchen und eine Tröte - also eine von denen, die sich beim Hineinblasen ausrollen. [c]

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