25. Dezember: Drumherum Lametta

Ach, Weihnachten. Nein, ich werde hier nicht über Liebe, Familie, Konsum, Erwartungen, Essen oder Sinnentleerung schreiben. Stattdessen über Lametta.

 

„Früher war mehr Lametta“, fand schon Opa Hoppenstedt 1978 im Weihnachtssketch von Loriot. Und diese Entwicklung bestätigt auch ein Sprecher des Bundesverbandes für den gedeckten Tisch, Hausrat und Wohnkultur e.V. (nee, habe ich mir nicht ausgedacht): „Lametta ist derzeit völlig out.“

 

Na gut, wirklich nachhaltig sind die Glitzerfäden eben nicht und, wie ich auch gelesen habe, können sie sogar tödlich sein. Zumindest für neugierige Katzen, die sie für essbares Spielzeug halten.

 

2015 hat der letzte deutsche Hersteller die Lametta-Produktion beendet. Das Unternehmen war im fränkischen Roth ansässig, dem ehemaligen Zentrum der sogenannten Leonischen Industrie, die Erzeugnisse aus feinsten Gold, Silber- oder Kupferdrähten herstellt. Diese Leonischen Waren werden vor allem für Dekorationen - Stickereien, Bänder, Borten und Tressen - für sakrale Volkskunst oder für kunstgewerbliche Gegenstände wie eben Christbaumschmuck verwendet. Mit dem Ende der Lametta-Produktion endete in Roth auch diese langjährige Wirtschaftstradition, aber wer zufällig im Fränkischen ansässig oder dort unterwegs ist, kann sich im örtlichen Fabrikmuseum über diesen Aspekt der Industriegeschichte informieren. Allerdings erst wieder ab März 2018 - im Moment ist Winterpause.

 

Und damit zurück zum Lametta. Die Roth’schen Restbestände sind vermutlich mittlerweile aufgebraucht und den Flitter gibt’s damit nur noch aus chinesischer Produktion. Überhaupt wird heutzutage der größte Teil des weltweit verkauften Weihnachtsschmucks in China hergestellt. Auch im fernen Osten selber ziehen Jingle Bells und X-mas Käufer an - klar, dass man dort ohne zu zögern auf den Konsumzug aufgesprungen ist, obwohl es keinerlei religiöse oder traditionelle Anbindung an das Fest selber gibt. Und schwupps, bin ich bei der Sinnentleerung. Zeit also, mit diesem Drumherum aufzuhören und mich Liebe, Familie und Essen zu widmen. Ganz ohne Erwartungen. Frohes Fest! [c]

20: Dezember: Drumherum Wolkengucken

Gegründet wurde sie 2004 vom Briten Gavin Pretor-Pinney: die Cloud Appreciation Society - die Vereinigung der Wolkenfreunde. Mehr als 42.000 Mitglieder weltweit hat der Verein heute - Tendenz steigend. 

Die CAS hat sich zum Ziel gesetzt, den Wolken endlich eine Lobby zu geben und, so steht es im Manifest auf ihrer Webseite, Front zu machen gegen das allgegenwärtige Blaue-Himmel-Denken: „Ich finde es schade, dass Urlaubsorte oft damit beworben werden, dass der Himmel immer blau ist. Ein blauer Himmel wird zur Metapher für Glück - als wäre nur ein Ort ohne Wolken geeignet, um es sich gut gehen zu lassen“, so Pretor-Pinney im Zeit-Interview.

Irgendwie hat er ja Recht. Auch mich macht durchgängig blauer Himmel spätestens nach ein paar Tagen nervös – er wirkt so… unbelebt. Gut, mit Stratus tue ich mich auch schwer - das ist per Definition eine „durchgehend graue Wolkenschicht mit ziemlich einförmiger Untergrenze, aus der Sprühregen, Eisprismen oder Schneegriesel fallen können“. Aber Schönwetterhaufenwolken, so die offizielle Bezeichnung, die mag ich.

 

Die Wolkenklassifikation geht auf den Quäker Luke Howard zurück, der 1802 Wolken in die Familien Stratus (Schichtwolken), Cumulus (Haufenwolken), Cirrus (Schleierwolken) und Nimbus (Regenwolken) einteilte. Diese Ordnung hat die World Meteorological Organization als Grundlage übernommen und im "Internationalen Wolkenatlas" verzeichnet. Die vier Wolkenfamilien mit zehn Gattungen lassen sich wiederum in 27 Wolkenarten unterteilen und dann noch einmal in Unterarten aufgliedern. Man ahnt schon: Menschen, die auf Wolken starren, haben viel zu gucken.

 

Wolken machen selten das, was man von ihnen erwartet – auch das finde ich persönlich sympathisch. Deswegen, so fachsimpeln die professionellen Wolkenbeobachter, muss man sich dort auf sie einlassen, wo man gerade ist, seine Beobachtungen in den Alltag integrieren. Die Kunst bestehe darin, innezuhalten und den Moment zu genießen.

 

Das bewusste Wahrnehmen der Wolken tue der Seele gut, meint Gavin Pretor-Pinney und er gibt zu, dass es beim Wolkenbeobachten im Grunde vor allem darum gehe, für ein paar Minuten oder Stunden einfach nichts zu tun. Finde ich gut. Auch ohne Verein. [c]

15. Dezember: Drumherum Und ärgern!

Ja, natürlich ist es eine „Danger Zone“, die, arg vom Wind gebeutelt, zur Anger Zone mutiert ist. Aber seitdem ich diese Flagge gesehen habe, arbeitet es in mir: wie wäre es wohl, tatsächlich über öffentliche „Anger Zones“ zu verfügen?

 

Ich stelle es mir sehr erleichternd vor, sich in einem eigens dafür vorgesehenen Bereich unter Gleichgesinnten ungehemmt ärgern zu können. Auf Umgangsformen zu pfeifen und einfach mal loszubrüllen. Da jede(r) sich Mitärgernde in der Zone wüsste, was dort zu erwarten ist, könnte man mit unschön verzerrtem Gesicht und ohne Rücksicht auf Verluste Gift und Galle spucken. Außerdem vermutlich sein Schimpfwort-Repertoire erweitern sowie untereinander Ärgeranlass und -ausmaß vergleichen, um nach ausreichend ausgedrücktem Verdruss besänftigt wieder ins normale Leben zurückzukehren.

 

Eine „Anger Zone“ hätte auch den Vorteil, dass gut gelaunte Menschen sie weiträumig umgehen könnten und so nicht Gefahr laufen würden, ungewollt zu Blitzableitern verärgerter Mitmenschen und damit womöglich selber zum Ärgerträger zu werden.

 

Doch, je mehr ich darüber nachdenke, desto besser gefällt mir diese Idee. Ach ja: habt ihr eigentlich schon die Weihnachtspäckchen zur Post gebracht? [c]

26. November: Drumherum Kindheitserinnerungen im Antiquariat

Försters Pucki und ich sind sozusagen gemeinsam aufgewachsen. Über mehrere Jahre schickte mir nämlich meine Tante jeweils ein Buch zu einem Festtag  - Geburtstag und Weihnachten (bei mir funktioniert das fast perfekt im Halbjahresrhythmus). Das Warten und die Gewissheit - da kommt noch was! - machten die Reihe für mich zu etwas Besonderem. Ich las und sammelte und überbrückte die Zeit bis zum nächsten Festtag mit noch einmal lesen.  Und wurde mit Pucki über mindestens sechs Jahre (es gibt zwölf Bände) gemeinsam älter. 

 

Doch dann passierte es. Puckis Leben bekam allmählich einen schalen Beigeschmack und in mir regte sich etwas, das ich heute als Widerstand erkenne. Pucki hatte nämlich ihren Freund aus Kindertagen, den "großen Claus" (er war deutlich älter als sie), geheiratet und ganz ehrlich: bei Claus hatte ich recht schnell ein ungutes Gefühl. Zwar schwärmte ich anstandshalber zunächst gemeinsam mit der Heldin für den "stattlichen Mann", der ungefähr in Band 5 den Arztberuf ergriff und auf alle Fragen eine richtige und moralisch einwandfreie Antwort parat hatte (ein Schelm, wer Böses dabei denkt). Aber spätestens in den Flitterwochen, die die beiden zu meiner großen Freude ganz in der Nähe meiner Heimatstadt verbrachten, bestätigte sich: der Mann ist spaßfrei , außerdem rechthaberisch und kein Freund des selbständigen  Denkens.

 

Später kam es noch dicker, als Pucki anfing, ihre künstlerische Ader zu entdecken und auszuleben. Warum war Malen eine so verpönte Tätigkeit? Möglicherweise war die Frau  gar nicht untalentiert, sondern hatte nur den falschen Lehrer oder ein unpassendes Sujet erwischt? Und muss ein Leben mit künstlerischem Aspekt automatisch beinhalten, dass man seine Kinder vernachlässigt?

 

So konkret habe ich mir damals die Fragen sicher nicht gestellt, aber als ich vor kurzem die gesammelten Werke im Antiquariat sah, kam die Erinnerung an meinen Lesestoff sehr klar wieder hoch. Und so fing ich an, online ein bisschen herumzustöbern. Aber das sonst so geschwätzige Internet spuckte  nicht besonders viel aus. Die Bücher der Pucki-Reihe scheinen tatsächlich Magda Trotts bekanntestes Werk zu sein, werden aber als untypisch für ihr Schaffen bezeichnet. Denn: Trott galt tatsächlich als eine der bekanntesten und radikalsten Frauenrechtlerinnen.  Darüber hinaus ist über das Leben der Schriftstellerin allerdings wenig bekannt, ich stoße auf mehr Fragezeichen als Fakten. 

 

Über ihr Werk und dessen Rezeption ist etwas mehr zu finden - so zum Beispiel, dass die Pucki Bücher schon von der zeitgenössischen Kritik als trivial eingestuft wurden. Na gut, damit kann ich leben. Womit ich nicht leben kann, ist der Hinweis auf die stark nationalsozialistisch geprägte Ideologie der späteren Bände. Und natürlich das "erzkonservative Frauenbild", das der Heldin jede Individualität verweigert:

 

"..., stattdessen hat sie sich ganz den Ansichten und Ansprüchen des Mannes unterzuordnen und ausschließlich als Hausfrau und Mutter zu funktionieren. Claus und Pucki ... stehen in einer Art Lehrer-und-Schülerin-Verhältnis: Er erzieht sie nach seinen Wünschen, darf sie in ihrem Tun und Verhalten bewerten und gegebenenfalls auch abstrafen. Pucki wird eine effektive Kritik an Verhaltensweisen und Meinungen ihres Mannes nicht zugestanden. Aus Furcht benimmt sich Pucki deswegen oft weiter wie ein Kind: Sie versucht, ihren Mann zu beschummeln, wenn ihr ein Fehler unterlaufen ist, und hört sich schließlich mit gesenktem Kopf seine Zurechtweisungen an. Nach erfolgreicher „Erziehung“ wird Pucki dann als nahezu perfektes „Pucki-Mütterchen“ der letzten Bände zum bewunderten Vorbild und zur Ratgeberin für die anderen Frauen im Ort. Pucki verändert sich damit von der unvollkommenen (und deshalb sympathischen) Identifikationsfigur der ersten Bände zum abstrakten, überhöhten Leitbild für (damalige) Leserinnen."

 

Oh-ha. Was für ein Glück, dass ich offensichtlich für diese Art von Leitbild nicht empfänglich war. Trotzdem frage ich mich: wäre für mich etwas anders gewesen, hätte meine Tante eine der Kinderbuchreihen Magda Trotts ausgewählt, in denen ein ganz anderes Frauenbild gezeigt wird? In "Pommerle" und "Goldköpfchen" dürfen die Heldinnen laut Kritik nämlich selbstbewusst und unabhängig agieren. 

 

Wie auch immer: es bleibt etwas Wehmut über den erneuten Verlust einer Heldin aus Kindertagen. Ach, Pucki. [c]

29. August: Drumherum Stehauftierchen

Neulich schrieb ich eine Email. Das ist an sich nichts Besonderes. Besonders war nur, dass ich bis zum ersten Absatz bereits zweimal von einer Stubenfliege massiv gestört wurde. Genauer: jeweils einmal von zwei Fliegen. Bei Absatz drei waren es bereits vier und noch bevor Absatz vier fertig gestellt war (Nummer fünf), ging ich entnervt zum Mülleimer, um zu prüfen, ob die vier von mir bereits erklatschten Fliegen wirklich noch da oder vielleicht doch auf wundersame Weise auferstanden waren.

 

Stubenfliegen machen auf mich generell keinen intelligenten Eindruck. Verfliegt sich eine Wespe in einen Raum ist sie meist in der Lage, diesen auch wieder zu verlassen - sogar durch ein geklapptes Fenster. Stubenfliegen hingegen finden nicht mal aus einem Zimmer mit fünf großen, weit geöffneten Fenstern und entsprechenden Wedel-Signalen hinaus. Stubenfliegen bleiben lieber drinnen - möglicherweise kommt ihr Name daher. Meine Recherche ergibt, dass ihre tatsächlich mindere Intelligenz durchaus einen Sinn hat. Schweizer Forscher entdeckten, dass klügere Fliegen (kein Scherz!) eine um etwa ein Drittel kürzere Lebenszeit aufweisen als dümmere Artgenossen.

 

Da ich davon ausgehe, dass der Versuch meine Email mitzulesen auf eine gewisse Intelligenz zurückzuführen ist, hat sich das Schweizer Experiment in meinem Arbeitszimmer auf eindrucksvolle Weise bestätigt. Über Auferstehung von Fliegen habe ich bei meinen Recherchen allerdings nichts gefunden. Und tatsächlich befanden sich auch die vier Stubenfliegen von Absatz drei noch im Mülleimer. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass ich am Ende der Mail insgesamt sechs intelligentere Exemplare beseitigt hatte. Eigentlich waren es sieben, aber das würde mir ohnehin niemand glauben. [c]

13. August: Drumherum Ansichtssache

Diese Arbeit des Schweizer Künstlers Beni Bischof entstand, so liest man auf einer sorgsam angebrachten Tafel, spontan anlässlich des Aufbaus der Ausstellung Heimspiel. Ohne Titel und direkt mit dem Pinsel auf die Museumswand gezeichnet. Und das im Fürstentum Liechtenstein. Gefällt mir. [c] 

02. August: Drumherum Wer ist SARK?

Richtig, auf dem Foto sieht man das Ohr von Beuys. Und SARK ist der Künstlername von Susan Ariel Rainbow Kennedy, einer amerikanischen Malerin und Autorin zahlreicher Selbsthilfebücher. SARK hat auch einen Text geschrieben und illustriert, der weltweit über unzähligen Schreibtischen von mehr oder weniger blockierten Kreativen hängt. "How to be an artist" ist der Titel und die deutsche Übersetzung  "Jeder Mensch ist ein Künstler" oder "(Anleitung zum guten) Leben" wird  seit Jahren fälschlicherweise Joseph Beuys zugeschrieben. Warum das so ist, lässt sich nicht mehr klären. Möglicherweise, weil man Beuys zutrauen würde die Dinge zu tun, die im Text vorgeschlagen werden. SARKs Philosophie: das Leben bejahen, sich im Einklang mit dem Dasein und den persönlichen Fähigkeiten fühlen. Ihre Anleitung: spielerisch kreativ sein. "How to be an artist" hat sie 1989 geschrieben.  Beuys starb bereits 1986, kann den Text also nicht einmal gekannt haben. Hätte ihn möglicherweise aber gerne gehört. [c]

 

Lass Dich fallen. Lerne Schnecken zu beobachten. Pflanze unmögliche Gärten.

Lade jemand Gefährlichen zum Tee ein. Fertige kleine Zeichen, die „ja“ sagen

und verteile sie überall in Deinem Haus.

Werde ein Freund von Freiheit und Unsicherheit. Freue Dich auf Träume. 

Weine bei Kinofilmen, schaukle so hoch Du kannst mit einer Schaukel bei Mondlicht. 

Pflege verschiedene Stimmungen, verweigere Dich, „verantwortlich zu sein“ – tu es aus Liebe! Mache eine Menge Nickerchen. Gib Geld weiter. Tu es jetzt. Das Geld wird folgen. 

Glaube an Zauberei, lache eine Menge. Bade im Mondschein. 

Träume wilde, phantasievolle Träume. Zeichne auf die Wände. Lies jeden Tag. 

Stell Dir vor, Du könntest zaubern. Kichere mit Kindern. Höre alten Leuten zu. Öffne Dich. Tauche ein. Sei frei. Schätze dich selbst. Lass die Angst fallen, spiele mit allem. 

Unterhalte das Kind in Dir. Du bist unschuldig. Baue eine Burg aus Decken. Werde nass. Umarme Bäume. Schreibe Liebesbriefe.

28. Juli: Drumherum Hoppla

Doch, ich weiß schon, dass es in der Gastronomie eine ganz eigene Sprache gibt. Was mich nicht daran hindert, sie amüsant zu finden. Präpositionsverschiebungen nehme ich mittlerweile allerdings gelassen. Ab einem gewissen Preisniveau findet man eben nicht mehr Dinge aus, sondern von und serviert wird nicht mit, sondern an. Dass dabei manches unter gesucht werden muss, ist ein alter Hut. Aber wenn es darum geht, Dinge dekonstruiert kredenzt zu bekommen, läuft meine Phantasie sofort auf Hochtouren. Ich sehe einen Küchenjungen etwas falsch abstellen, den Koch stolpern, Bleche fallen,  den Küchenjungen mit einer knallroten Wange und höre dann das Gebrüll: "Rita, schreib halt dekonstruiert und bring mir sofort eine Palette Gläser!"  Ich bin mir sicher: schmecken tut's trotzdem. [c] 

17. Juli: Drumherum Whistler's sister

"Arrangement in Grey and Black: The Artist's Mother" ist ein Gemälde des amerikanischen Künstlers James Abbott McNeill Whistler. Der geläufige englische Titel des Bildes ist "Whistler's Mother". Einem breiten, weniger kunstinteressierten Publikum wurde es durch den Film "Bean - der ultimative Katastrophenfilm" bekannt gemacht, in dem Mr. Bean das Kunstwerk zunächst ruiniert und dann, um dieses Malheur zu vertuschen, selber Hand anlegt. Das Ergebnis seiner künstlerischen Versuche hat sich mir sehr eingeprägt und daher wurden sofort Assoziationen geweckt,  als ich kürzlich an einer Straßenecke in Paris auf dieses Kunstwerk stieß... [c]

11. Juli: Drumherum Sticky affection

Eine Zeitschrift bezeichnete Paris kürzlich als "Mekka für Gräbertouristen" und tatsächlich liest sich das Verzeichnis des Friedhofs Père Lachaise wie ein epochen- und spartenunabhängiges "who is who" europäischer Kulturgeschichte. Wilde, Chopin, Molière, Piaf und Modigliani finde ich schnell, manch anderen eher zufällig und an Jim Morrisons Grab laufe ich erst zweimal vorbei. An diesem sommerlich heißen Montagvormittag keine Spur von Althippies, die mir den Weg weisen, Lieder anstimmen oder ihrem Idol mit Drogen- und Alkohlexzessen huldigen würden, wie es in der Vergangenheit schon häufiger vorgekommen sein soll. Lediglich der Kaugummibaum neben dem Grab ist stummer Zeuge klebriger Hingabe. Die sieht man in rosarot auch bei Osar Wilde. Sein Grab war mit tausenden Lippenstift-Küssen von VerehrerInnen übersät, bis es vor einigen Jahren gereinigt und mit einer Glasplatte geschützt wurde. Jetzt wird eben die gläserne Wand geküsst.

 

Ein Anflug von Wehmut und Andacht - für einen Moment fühlt es sich an, als seien diese außergewöhnlichen Menschen erst durch ihre Sterblichkeit real geworden und gleich wieder verloren gegangen. [c]

 

03. Juli: Drumherum Kumm loss mer fiere

Mit Geburtstagen ist das so eine Sache. Jedes Jahr kommen sie ungefragt wieder, bringen einem erst Haare, dann Zähne und später Falten. Schließlich nehmen sie einem wieder Haare und Zähne, die Falten bleiben - und das alles mal mehr, mal weniger laut.  

 

Es gibt Menschen, die mögen Geburtstage nicht. Sie möchten bloß in Ruhe gelassen werden und so tun, als sei dies ein Tag wie jeder andere auch - abgesehen vom Kuchen vielleicht. Und es gibt Menschen, die möchten auf keinen Fall so tun, als sei dies ein Tag wie jeder andere auch. So wie ich. Jedes Jahr, einige Wochen vor meinem Geburtstag, wünsche ich mir insgeheim eine Überraschungsparty, bei der alle mir lieb- und teuren Menschen, ausgestattet mit albernen Hütchen und lustigen Tröten (also die, die sich beim Hineinblasen ausrollen!), hinter dem Sofa hervorspringen und "ÜBERRASCHUNG!" rufen.

 

Naja, mein Sofa steht an der Wand, das macht es schwierig. Und meine derzeitige Wohnung ist definitiv nicht groß genug für alle mir lieb und teuren Menschen. Außerdem bin ich nicht unbedingt ein Fan von Überraschungen - jedenfalls nicht, wenn sie nicht gut geplant sind und die Gefahr besteht, dass ich mit unrasierten Beinen in Shorts gesehen werde. Und wenn ich weiter darüber nachdenke: in amerikanischen Serien, die mir als Vorlage für Überraschungsparty-Gedankenspiele dienen, passiert meist etwas unvorhersehbar Pein- oder Fürchterliches in der Szene mit dem Sofa. 

 

Also vielleicht dann doch lieber die Partyorganisation selber in die Hand nehmen. Jedes Jahr, wenn ich an diesem Punkt meiner Überlegungen angelangt bin, freue ich mich: endlich eine Party und zwar nach meinem Geschmack! Es soll getanzt, geredet und gelacht werden, gut gegessen und gesellig getrunken. Und wann? Ich habe im Sommer Geburtstag, was insofern von Vorteil ist, als dass es frische Erdbeeren gibt. Andererseits gibt es auch Sommerferien und da bestimmt die Hälfte der potenziell Eingeladenen schulpflichtige Kinder in verschiedenen (Bundes-) Ländern hat, ist das problematisch. Denn: die Zusammensetzung der Gäste ist entscheidend für das Gelingen der Party, eine kunstvoll verflochtene Angelegenheit, in der es keinerlei Löcher geben darf. Ich beginne also mit einer Liste, knüpfe, webe und erweitere und bin schließlich bei mehreren hundert Gästen angelangt, von denen ich die Hälfte selber nur vom Hörensagen kenne.  Bei kritischer Betrachtung muss ich mir eingestehen, dass  Siri Hustvedt und Gerhard Richter sicher nicht an privaten Feiern von ihnen völlig unbekannten Menschen teilnehmen und Heinz Erhardt leider bereits vor einigen Jahrzehnten verstorben ist. Also reduziere ich auf etwa 50. Eine gute Zahl.

 

Wichtig ist auch der passende Soundtrack. Eine Reminiszenz an die verschiedenen Lebensstationen natürlich. 80er Jahre Hits, klar, ein bisschen kölsche Tön, aber bitte in Maßen und vielleicht mit Untertiteln für die ausländischen Freunde. Auf keinen Fall Helene Fischer! Etwas Bayerisches muss rein und etwas Asiatisches. Vielleicht sollte man sogar Karaoke anbieten? Ich singe probehalber ein bisschen und stelle mir dabei vor, wen ich mit wem bekannt mache, wie gut sich diese über jenes unterhalten könnten und wie viel Spaß wir alle beim Reden und Tanzen und Singen haben, während draußen malerisch die Sonne untergeht und freundliche Kellner eine dezente Festbeleuchtung anknipsen...nur wo?

 

Eine draußen-drinnen-Kombi ist im Sommer ein Muss. Also diskutiere ich mit mir über Burgen und Weingüter in der Nähe, über Schiffe und Brauereien, besuche Webseiten, verwerfe alles wieder und dann, als ich eines abends in einer Lokalität mit schöner Terrasse und gutem Essen sitze, sage ich tatsächlich laut: "Das hier wäre für meine Feier gar nicht so schlecht." Der zufällig neben mir stehende Kellner nickt beflissen - "Eine gute Wahl!" - sprintet los, um den Inhaber zu holen, der stirnrunzelnd ein dickes Buch konsultiert und dann... Das Restaurant ist an allen in Frage kommenden Wochenenden nicht verfügbar. "So eine Feier müssen Sie schon ein bisschen genauer planen", sagt der Inhaber. Und ich atme tief aus.

 

Ihr Menschen da draußen, nah und fern, die ihr mir lieb und teuer seid: ich feiere alle Jahre wieder eine rauschende Party mit euch - also gedanklich. Und vielleicht schaffe ich es nächstes Jahr, den Plan in meinem Kopf tatsächlich umzusetzen. Ihr wisst ja jetzt: absagen ist keine Option, auch wenn Hustvedt, Richter und Erhardt nicht dabei sein werden. Und das einzige, das ihr mitbringen müsst, sind gute Stimmung, ein albernes Hütchen und eine Tröte - also eine von denen, die sich beim Hineinblasen ausrollen. [c]

01. Juli: Drumherum Knochenjob

Dieses Foto entstand beim sogenannten Probentag des Bayerischen Staatsballetts, einer für Zuschauer offenen Probe, die Einblicke in die tänzerische Arbeit des Ensembles gibt. Hautnah erlebt man alle Phasen vom morgendlichen Training bis hin zur letzten Probe am späten Nachmittag in der vergleichsweise intimen Atmosphäre der Übungssäle des Ballett-Probehauses am Platzl. Ein Muss für Tanzbegeisterte - aber nicht nur für diese. Gerade auch den Unbelehrbaren, die immer noch glauben, Tanzen sei kein Sport ("das bisschen Hüpfen") empfehle ich wärmstens, sich die Trainingseinheiten mal genauer anzusehen. Und ich wage zu behaupten, dass im Anschluss Einigkeit darüber herrschen wird, dass Tänzer nichts anderes sind als Hochleistungssportler. 

 

Extrem anmutige Hochleistungssportler, auch wenn sie es im Probehaus darauf anzulegen scheinen, jeglichen Glamour, mit dem man das Klassische auf der Bühne assoziiert, zu verbannen. Selten habe ich so viele unförmige Wärmestiefel und Daunenwesten, gestrickte Körperteilwärmer in diversen Verfallsstadien, zerschlissene Pullover in Schichten und strapazierte Jogginghosen in Farben gesehen, von denen ich nicht einmal wusste, dass sie überhaupt existieren. Aber der Plan geht nicht auf. Die Anmut ist allgegenwärtig: im Laufen durchs Treppenhaus beim Übungsraumwechsel, im Sitzen oder Stehen beim Warten auf den nächsten Einsatz und sogar - ja! - beim Rauchen. Ganz zu schweigen von den klassischen weißen Tellertutus, die selbstbewusst ihren Platz neben Ringelsocken und Wasserflaschen behaupten.

 

Ursprünglich wurden die offenen Proben in München für einen Kreis von einigen Dutzend Interessierten konzipiert, gedacht als lockere Serie. Mittlerweile sind weit über 100 Veranstaltungen daraus geworden, der Andrang groß, die Tickets extrem schnell ausverkauft. Kein Wunder, denn es kann passieren, dass man Ikonen der Ballettgeschichte auf Armeslänge vor sich schwitzen sieht. Oder zufällig in einen Probenraum stolpert, um dort einen Tänzer das Solor's Solo aus La Bayadère mit solcher Sprungkraft und Energie ausführen zu sehen, dass sogar die Kollegen spontan applaudieren.

  

Dass man sich als Nicht- oder bestenfalls Hobbytänzer am Abend eines Probentages sehr plump und sehr unbeweglich vorkommt, gehört wohl zu den unvermeidlichen Nebenwirkungen eines solchen Einblicks. Die nehme ich aber gerne in Kauf und versuche noch ein Weilchen vergeblich, meine Füße zu einer eleganten Sichel zu biegen. [c]